Wie male ich Schatten? Erklärt am Beispiel Ei

Inge

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Aus aktuellem Anlass (habe Diskussion über das Phänomen eben in einem Thread gelesen) hier eine kleine Studie mit Skizzen zur Wirkung von Platzierung und Intensität von Schatten.

Schatten unmittelbar am Objekt "erden" dieses, wobei der intensivste (dunkelste) Bereich des Schattens immer direkt an diesem liegt.
Abhängig von Art, Intensität, Größe und Anzahl von Lichtquelle(n) ergibt/ergeben sich ausserhalb dieses Kernschattens ein oder mehrere Bereich(e), in denen Streulicht einfällt. Dieser Effekt intensiviert sich zum Rand hin, wodurch der Übergang zum Umgebungsbereich immer diffuser wird, je weiter das Objekt entfernt ist.
Bestehen mehrere Lichtquellen, gibt es mehrere, dann leichtere Schatten in verschiedenen Richtungen außerhalb dieses Kernschattens.
 
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Inge

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Auf einem Foto bzw. als Skizze sieht das dann so aus:
 

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Inge

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Beachtet man diese Regel nicht, sondern entfernt den Schatten vom Objekt, ergibt sich der Eindruck des "Schwebens", und zwar unabhängig davon, ob dies gewollt (wie z. B. bei einem angehobenen Pferdebein) ist oder unabsichtlich (wie bei einem Gegenstand, der eigentlich auf einem anderen aufliegen sollte).
 

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Inge

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Ich hoffe, ich konnte mit dieser kleinen Schatten-Exkursion zur Erdung einiger Bildobjekte beitragen, ob es nun Wassertropfen oder Fahrzeuge sind :00000299:
 

Inge

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Huh, Verzeihung! Ich hatte versehentlich beim Fotografieren meiner Demo-Skizze das Makro nicht eingeschaltet.
Daher das Schwebe-Ei nochmals in Klar:
 

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Inge

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Mindestens ebenso fatal wirken auf den Betrachter vergessene Schatten, denn sie "entkörpern" das Objekt sozusagen, machen es unwirklich.
Harte Schattengrenzen am Objekt (außer bei extremen Lichtverhältnissen) lassen es ebenso künstlich erscheinen.

Wie meine Hauptdozentin auch zu sagen pflegt:
"Schatten, die eine zu harte Kante haben, werden leicht selbst zum Objekt"
und es ensteht der lustige Effekt, dass z. B. eine Person auf einem Empfangsteppich in verschobener Menschenform steht.

Oder hier eben das Ei :00000285:

Verschlimmern kann man die Situation noch - es gibt immer noch eine Steigerung - durch eine unplausible Schattenform.
Aber um zur Demonstration jetzt noch einen Quadrat- oder Dreiecksschatten zu skizzieren, bin ich zu faul :00000108:
 

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Inge

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Ach, ja:
Zwar beim rechten Ei hingezeichnet, aber nicht erklärt:

Eine helle Lichtkante zwischen der Schattenseite des Objekts und dem direkt angrenzenden Schatten ist natürlich ebenso unplausibel.
Das ist die Stelle, an der der allergeringste Lichteinfall herrschen müsste.
 

Inge

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Da der Schatten-Diskurs inzwischen doch weit über die Schwebe-Thematik hinausgeht, habe ich den Titel mal eben allgemeinverständlicher und allumfassender umformuliert.
Neueste Ergänzung zur ganzen Eier-Schattensache:

Schatten in Hohlräumen sind dort am finstersten, wo das Licht am wenigsten hinkommt, d. h. wo es sich auch nach Brechung auf einer Oberfläche am wenigsten einfinden kann. Das ist einmal in engen Spalten und zum Zweiten tief im Inneren (von Falten, Gefäßen....)
Wenn man das beachtet, formen sich die Gegenstände wie von selber.
 

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Inge

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Gehen wir mit dem Ei ins Gelände oder in ein möbliertes Zimmer, fallen Schatten auf Oberflächen, die nicht genau waagerecht zum Betrachterauge bzw. dem Ei liegen.

Beim Ei im Streulicht, also von diffuser Lichtquelle, mehreren Lichtquellen oder bei diversen reflektierenden Oberflächen ist der Schatten schon relativ nahe am Gegenstand wenig scharf abgegrenzt. Auf der lichtabgewandten Seite des Geländes sieht man den Eischatten praktisch nicht, da ja auch das Gelände Schatten wirft.
 

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Inge

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Will man in der Malerei ausdrücken, dass das Objekt von nur einer Lichtquelle beleuchtet wird, die auch noch recht nahe am Objekt ist (man denke nur an den üblen Meuchelmörder, dessen Schatten an der Wand hinter dem Opfer auftaucht, ohne dass man den Täter selber sieht), muss der Schatten größer als das Objekt sein und relativ exakt umrissen.

Hier sieht man, dass der Eischatten bei den weiter entfernten Geländezacken größer wird und auch noch relativ genau begrenzt ist.
Er folgt praktisch dem Gelände, geht also keinesfalls einfach in gerader Linie, das Gelände ignorierend, weiter.
Bewegt man die Lichtquelle, ohne am Rest des Aufbaus etwas zu ändern, ändern sich sowohl Schattengröße als auch dessen Abgrenzung.

Mit der Darstellung des Schattens kann ich also dem Bildbetrachter eine Menge Informationen geben:
- Findet die Szene in Kunst- oder Naturlicht statt?
- Welche Tageszeit ist da ungefähr?
- Wie breit ist eine Straße/Gasse, auch wenn man sie nicht komplett sieht? Wie tief ist ein Hohlraum?
- Vorhandensein eines Gegenstandes, der u. U. nicht mal mit auf dem Bild ist
- wie ist der Untergrund beschaffen, auf dem der Gegenstand sich befindet? (rauh, glatt, zerklüftet, abschüssig, ansteigend....)
- berührt der Gegenstand direkt die beschattete Fläche oder befindet er sich in einem Abstand davon?

usw. usw.

Also eigentlich schade, dass der arme Schatten oft so stiefmütterlich behandelt wird: "So, Bildgegenstand gemalt, jetzt noch ein wenig schwarzgraues Wischiwaschi drunter, fertig!" :00000285:
 

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Inge

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Leider habe ich hier themenpassend keinen Eier-Baum, dafür aber einen Gummibaum gefunden, um die Wirkung von Schatten auf Baumwurzeln zu demonstrieren.
Schaut man sich die Wurzeln, unter denen Schatten liegen an, so sind diese Wurzelstücke "abgehoben", je weiter der Schatten vom Objekt entfernt ist.
Liegt die ganze Wurzel oberhalb des Erdniveaus, so ist die untere Hälfte der Wurzel tief drinnen am dunkelsten, der Erdboden-Schatten etwas heller, denn da
kommt ja zumindest meist noch Streulicht hin.
Dort, wo die Wurzeln flach in den Boden hineingreifen, sind keine (oder je nach Lichteinfall gaaanz minimale) Schatten vorhanden.

Wer sich Wurzeln mit der Vorlage antrainieren möchte, bittesehr.
Das ist eine eigene Fotografie, die ich gerne freigebe.
 

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